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Bewegende Begegnung mit der Holocaust-Überlebenden Henriette Kretz

Am vergangenen Donnerstag, dem 7. Mai, durfte der EF-GK9-Geschichtskurs unseres Gymnasiums an einem ganz besonderen Zeitzeugengespräch teilnehmen. Eingeladen hatte die Realschule Geilenkirchen, in deren Aula die Veranstaltung stattfand. Umso größer war die Freude darüber, dass auch Schülerinnen und Schüler unserer Schule Teil dieses eindrucksvollen Vormittags sein durften.
Henriette Kretz (2)
Datum:
11. Mai 2026
Von:
Sarah Geerken

Zu Gast war die Holocaust-Überlebende Henriette Kretz – eine der letzten noch lebenden Zeitzeuginnen der Shoah. Frau Kretz wurde 1934 in Polen geboren und berichtete zunächst von ihrer frühen unbekümmerten Kindheit. Sie wuchs behütet mit liebevollen Eltern und einem Kindermädchen auf und führte ein glückliches, normales Leben, das durch die nationalsozialistische Verfolgung abrupt zerstört wurde. Gerade dieser Kontrast machte ihre Erzählungen besonders erschütternd. Ihre Eltern wurden während des Holocaust ermordet; sie selbst überlebte nur knapp und lebt heute in Antwerpen. Seit vielen Jahren spricht sie mit jungen Menschen über ihre Erfahrungen, um die Erinnerung wachzuhalten und vor den Gefahren von Ausgrenzung, Hass und Diktatur zu warnen.

Begleitet wurde sie von ihrer Assistentin Stephanie Roth, die sie insbesondere sprachlich unterstützte. Frau Kretz’ Sprache trägt bis heute die Einflüsse ihrer verschiedenen Lebensstationen und vereint polnische, flämische und französische Elemente. Gleichzeitig spricht sie beeindruckend gutes Deutsch, das sie während ihrer Schulzeit in Belgien erlernte und das sie durch ihre langjährige Arbeit im Bereich der Erinnerungskultur immer wieder unter Beweis stellt.

Frau Kretz konnte ihren beruflichen Hintergrund als Lehrerin nicht lange verstecken und schon in den ersten Minuten wurde deutlich, wie sehr ihr der Austausch mit jungen Menschen am Herzen liegt. Noch vor Beginn des eigentlichen Vortrags suchte sie das Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern, fragte nach ihren Erfahrungen, Zukunftsplänen, Herkunftssprachen und persönlichen Hintergründen. Dadurch entstand von Beginn an eine außergewöhnlich offene und persönliche Atmosphäre. Besonders eindrücklich war ihr Einstieg in den Vortrag. Schritt für Schritt stellte sie scheinbar offensichtliche Fragen: „Habe ich zwei Augen?“, „Habe ich zwei Beine?“, „Habe ich zwei Arme?“ – jedes Mal antwortete das Publikum mit „Ja“. Schließlich fragte sie: „Bin ich ein Mensch?“ Wieder kam die Antwort: „Ja.“ Doch Frau Kretz entgegnete ruhig: „Nein. Für die Nationalsozialisten nicht.“ Dieser Moment sorgte für spürbare Betroffenheit in der Aula und machte unmittelbar deutlich, welches Ausmaß ihre Geschichte hat.

Im weiteren Verlauf berichtete Frau Kretz fast zwei Stunden lang von ihren Erfahrungen während der Shoah, vom Leben im Ghetto, vom Verlust ihrer Familie und vom Überleben in einer Zeit unmenschlicher Verfolgung. Ihr Vortrag war bewegend, erschütternd und teilweise schockierend detailliert. Zugleich wurde er aber immer wieder durchzogen von kleinen Anekdoten, ihrem ganz eigenen Witz und Momenten, die trotz der Schwere ein vorsichtiges Schmunzeln zuließen. Für viele Zuhörerinnen und Zuhörer wurde die Veranstaltung zu einer echten Achterbahn der Gefühle. Dabei blieb Frau Kretz nie bei einem reinen Vortrag stehen. Sowohl davor als auch währenddessen und im Anschluss suchte sie immer wieder aktiv den Dialog mit den Schülerinnen und Schülern. Sie stellte Fragen zur NS-Ideologie, sprach über Ausgrenzung und Vorurteile und machte deutlich, wie wichtig eigenständiges Denken und Menschlichkeit bis heute sind.

Auch nach ihrem Vortrag nahm sie sich fast eine weitere Stunde Zeit für Fragen aus dem Publikum. Jede Frage wurde aufmerksam und ernsthaft beantwortet. Besonders eindringlich blieb ihre Botschaft am Ende in Erinnerung, auch im Hinblick auf ihre Einschätzung zur aktuellen politischen Lage: „Ihr habt alle ein Gehirn. Benutzt es. Diktaturen schaden immer und allen Menschen im Land. Es gibt keine einfachen Erklärungen für komplexe Dinge, auch wenn ein Diktator das behauptet.“

Sichtlich bewegt reagierten die Schülerinnen und Schüler beider Schulen am Ende mit Standing Ovations, die Frau Kretz bescheiden und mit einem humorvollen Hinweis, sie sei „ja keine Lady Gaga“, entgegennahm. Selbst nach dem offiziellen Ende blieb sie noch für persönliche Gespräche, Fragen und Begegnungen vor Ort. Zudem bot sie den Jugendlichen an, auch weiterhin per E-Mail erreichbar zu sein. Die Begegnung mit einer der letzten lebenden Shoah-Überlebenden war für alle Beteiligten ein außergewöhnlich wertvoller und nachhaltig beeindruckender Moment, der sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Wir danken der Realschule Geilenkirchen herzlich für die Einladung und die gute Zusammenarbeit!

 

Begegnung mit Henriette Kretz (07.05.2026)

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