Coers' Kolumne: Der Werther

Buch und Stift (c) www.pixabay.com
Mo 1. Apr 2019
Bernward Coers

Im Bereich „Coers‘ Kolumne“ unserer Homepage stellt unser ehemaliger Kollege Bernward Coers in völlig unsystematischer und in jeder Hinsicht beliebiger Reihenfolge literarische Texte vor, die er für wichtig, interessant und lesenswert hält. Mit seiner Präsentation möchte er auf bedeutende Dichter und ihre Texte aufmerksam machen und hofft, die eine oder andere Leseanregung zu geben. Die Texte selbst werden hier – u. a. aus urheberrechtlichen Gründen – nicht veröffentlicht; zumeist sind sie im Internet leicht zu finden. Ein Link zum Originaltext findet sich in der Regel schon am Ende der Präsentation. Ein Link zum Originaltext findet sich in der Regel schon am Ende der Präsentation. Eine Sammlung der vorgestellten Texte ist auf der Seite des Faches Deutsch unter ,,Weitere Informationen" -> ,,Coers' Kolumne" aufgeführt.

Kollege Coers würde sich freuen, wenn nicht nur er allein hier seine Leseempfehlungen vorstellen würde; es wäre doch schön, wenn viele Mitglieder aus unserer Schulgemeinde diese Kolumne nutzten, um auch andere an ihren Leseerlebnissen teilhaben zu lassen. Hierzu senden Sie / sendet Ihr bitte Ihre / Eure Textvorstellung an coers@st-ursula-gk.de.

Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther

In seinem ersten Roman „Die Leiden des jungen Werther“ aus dem Jahre 1774 verarbeitete Johann Wolfgang Goethe seine unerfüllte und unglückliche Liebe zu Charlotte Buff, die er während seiner Tätigkeit am Gericht in Wetzlar kennen gelernt hatte. Seine leidenschaftlichen Gefühle für Lotte blieben ohne Hoffnung, da sie bereits mit Johann Georg Kestner verlobt war und ihren Verlobten nach Goethes Abreise aus Wetzlar heiratete. Als Goethe erkennen musste, dass seine Liebe aussichtslos war, floh er ohne Abschied aus Wetzlar. Mit Werthers Suizid am Ende des Romans setzt Goethe seinem Bekannten Karl Wilhelm Jerusalem ein Denkmal, der sich am 29.10.1772 in Wetzlar wegen seiner Probleme in der Gesellschaft und seiner hoffnungslosen Zuneigung zu einer verheirateten Frau erschossen hatte. Der Selbstmord dieses jungen Mannes, der in ganz Deutschland Aufsehen erregte, erschütterte Goethe stark, so dass er sich um genaue Informationen über diesen Todesfall bemühte und ihn als Motiv am Ende seines Romans parallel zu Jerusalems Schicksal gestaltete.

Da Goethe mit seinem Roman genau den Geschmack seiner Zeit traf, machte sein Werk ihn als Schriftsteller schlagartig in ganz Deutschland bekannt; der „Werther“ war Goethes einziger „Bestseller“. Durch diesen Roman wurde auch der junge Herzog Karl August aus Weimar auf Goethe aufmerksam; er holte ihn als Minister an den Weimarer Hof und war Goethe freundschaftlich verbunden. Goethes Werk ist ein Briefroman; das heißt, dass der gesamte Roman bis kurz vor dem Ende nur aus Werthers Briefen an seinen (fiktiven) Freund Wilhelm besteht. Die Form des Briefromans, die der des Tagebuchs ähnelt, ermöglicht es Goethe, alles, was Werther erlebt, denkt und fühlt, aus dessen ganz persönlicher, individueller Ich- Perspektive zu schildern, die die stark subjektive Bewertung („Werther“: der Wertende) aller dargestellten Ereignisse und Empfindungen des Protagonisten zum Ausdruck bringt. Denn in diesem Roman aus der Epoche des Sturm und Drang stehen das Gefühl und das subjektive Erleben der Welt im Zentrum der Darstellung. Werther erlebt die Welt auf seine ganz subjektive Weise, verarbeitet sein Erleben in seinem Innern und bringt sie auf seine individuelle Weise als Künstler zum Ausdruck. Daher ist er das Beispiel für das Genie der Sturm-und-Drang-Zeit, das sein Erleben in der Sprachkunst seiner Briefe und in seinem Selbstverständnis als Maler und Zeichner schöpferisch gestaltet.

Erst am Ende des Romans – kurz vor der Darstellung von Werthers Selbstmord – wendet sich Wilhelm als fiktiver Herausgeber der Briefe Werthers an den Leser und erzählt, was er über die letzten Tage im Leben seines Freundes in Erfahrung bringen konnte. In seinen Bericht fügt der Herausgeber die letzten Briefe Werthers an ihn ein. Der Roman besteht aus zwei Büchern, die sich durch die Datierung der Briefe auf einen Zeitraum von ungefähr zwei Jahren erstrecken: Das erste Buch beginnt mit Briefen aus dem Mai 1771 und endet mit einem Brief vom 10. September; am Anfang des zweiten Buchs steht der Brief vom 20. Oktober 1771; das Buch endet mit Werthers Selbstmord und seinem Begräbnis zur Weihnachtszeit 1772. – Die Jahreszeiten, in denen die Briefe verfasst sind, spiegeln jeweils die seelische Verfassung Werthers wider.

Liebe, Natur und Tod

Ähnlich wie Goethe aus Wetzlar floh, so lässt Goethe seine Romanfigur Werther auch zu Beginn fliehen: Werther flieht aus bedrückenden Verhältnissen zu Hause, einer unerfreulichen Beziehung zu einer jungen Frau, in eine fremde Stadt, die er zwar als unangenehm empfindet, aber dennoch wegen der Schönheit der Natur in ihrer Umgebung schätzt. Das Motiv der Liebe Werthers zur Natur steht im Zentrum der ersten Briefe. In der Natur fühlt Werther sich frei und ungebunden und kann dort den Zwängen gesellschaftlicher Regeln und Normen entfliehen. Er lebt ganz in seinen Empfindungen für die Natur, in der er als Pantheist sein Verständnis von Gott verwirklicht sieht, zeichnet die Landschaft und liest in seinem Homer. In seinen Naturerlebnissen empfindet er zugleich die Grenzen seines Menschseins, weil er die im Menschen angelegten Schöpferkräfte zwar in seiner Imagination erlebt, sie aber wegen der Begrenztheit der menschlichen Existenz nicht in der Außenwelt verwirklichen kann. So äußerst er schon sehr früh seine Gedanken an Selbstmord, aber nicht aus Lebensüberdruss oder Verzweiflung, sondern weil er seine Seele im Körper gefangen und den Tod als eine Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten ansieht. Beim Besuch im Hause eines Amtmanns, dessen Frau gestorben ist, lernt er dessen älteste Tochter Lotte kennen und ist sofort fasziniert von ihr, weil er sie bei der Versorgung ihrer Geschwister beobachten kann. Da sie ihn auch sympathisch findet, lädt sie ihn ein, sie zu einem Festball zu begleiten. Dort tanzt und unterhält sich Werther sehr intensiv mit Lotte, so dass die anderen Gäste schon zu reden beginnen, weil Lotte bereits mit Albert verlobt ist, der sich aber zur Zeit des Balls und noch eine Weile in der folgenden Zeit auf einer dienstlichen Reise befindet. Dass Lotte verlobt ist, nimmt Werther nur am Rande wahr, weil er in seinen Gesprächen mit Lotte erfährt, dass sie wie er fühlt und denkt und die gleichen literarischen Werke liebt wie er.

In den folgenden Wochen der weiteren Abwesenheit Alberts verbringt Werther viel Zeit zusammen mit Lotte und verliebt sich immer mehr in sie, wobei seine Liebe allerdings zunächst rein geistiger Natur und nicht sexuell motiviert ist. Werthers Glück wird jäh unterbrochen, als Albert Ende Juli 1771 von seiner Reise zurückkommt und er sich nun in seiner Liebe zu Lotte in Konkurrenz zu Albert sieht. Denn er erlebt Albert zwar als liebenswürdigen und freundlichen Menschen, ist jedoch davon überzeugt, dass er selbst viel besser als Albert zu Lotte passe; denn Albert ist ein prinzipientreuer, pflichtbewusster Mensch, der den Regeln und Normen der Gesellschaft, die Werther hasst, gehorcht und nur wenig Verständnis für Werthers gefühlsbetontes Wesen aufbringen kann. Nach einem Streitgespräch mit Albert über das Thema des Selbstmordes, den Werther heftig verteidigt und für den Albert kein Verständnis hat, sieht sich Werther im Zustand einer „Krankheit zum Tode“, weil er den Zustand seiner Liebe zu Lotte in Konkurrenz zu Albert nicht mehr ertragen will. Deshalb nimmt er Abschied von Lotte, ohne ihr zu sagen, dass er für immer weggehen will, und berichtet Wilhelm im letzten Brief des ersten Buchs von seinem Schmerz, als er Lotte verlässt. Um seinen Schmerz zu verarbeiten und sich durch Tätigkeit abzulenken, hat Werther sich entschlossen, eine Arbeitsstelle als Sekretär am Hofe eines Grafen anzunehmen. In den ersten Briefen des zweiten Buchs erzählt Werther, wie wenig er sich den Anforderungen einer geregelten Arbeit unterwerfen kann, vor allem weil sein Vorgesetzter, ein Gesandter des Grafen, allzu großen Wert auf die genaue Einhaltung der dienstlichen Regeln legt. Hierzu aber ist Werther nicht fähig und nicht bereit, so dass er ständig Streit mit seinem Chef hat. Daher ist ihm seine Tätigkeit schon bald verhasst, und die Hoffnung, durch Arbeit Lotte vergessen zu können, ist zerstört. Als Werther als Bürgerlicher auf einem Fest von Adligen wegen seiner Anwesenheit getadelt wird, will er mit dieser arroganten Gesellschaft nichts mehr zu tun haben und bittet um seine Entlassung.

Nach einer längeren Reise, in der er die Orte seiner Kindheit besucht, entschließt er sich, wieder in der Nähe Lottes zu sein, weil er davon überzeugt ist, dass Lotte mit ihm glücklicher sei als mit Albert. Obwohl Lotte mittlerweile mit Albert verheiratet ist, versucht er ihre Beziehung zu erneuern. Zwar ist Lotte erfreut, ihren Freund wieder in ihrer Nähe zu haben, verhält sich aber Werther gegenüber als Ehefrau korrekt. Daher verschlimmert sie ohne Absicht Werthers seelischen Zustand, der immer mehr daran verzweifelt, Lotte nicht für sich allein gewinnen zu können. Alberts Anwesenheit wird immer unerträglicher für ihn, weil auch Lotte ihn wegen seines aufdringlichen Verhaltens kritisiert. Daher werden seine Gedanken an Selbstmord immer stärker, auch weil er viele Ereignisse in seiner Umwelt nur noch aus der Perspektive der Verzweiflung sehen kann. Nach einem sehr unangenehmen Gespräch mit Albert, der Werther mittlerweile als lästig empfindet, fasst er vor Weihnachten 1772 den Entschluss zum Selbstmord und schreibt einen Abschiedsbrief an Lotte. Weil Albert sich bis zum Weihnachtsabend auf einer dienstlichen Reise befindet, ergreift Werther die Gelegenheit zu einem letzten Besuch bei Lotte, so dass er mit ihr allein sein kann. Lotte ist diese Situation sehr unangenehm und peinlich; sie will Werther aber nicht fortschicken, weil sie weiß, wie sehr Werther an seiner aussichtslosen Liebe leidet. Daher lesen sie gemeinsam die Lieder Ossians. Von den emotionalen Texten Ossians völlig überwältigt, kniet Werther vor Lotte nieder, umarmt sie und küsst immer wieder ihre Lippen, bis Lotte sich dieser Situation bewusst wird und Werther verärgert zurechtweist.

Völlig verwirrt und von seinen schmerzlichen Gefühlen überwältigt, irrt Werther anschließend orientierungslos durch die Gegend; am nächsten Tag lässt er durch seinen Diener Albert, der wieder zu Hause ist, bitten, ihn seine Pistolen für eine Reise auszuleihen. Obwohl Lotte ahnt, was Werther plant, gibt sie die Pistolen an Werthers Diener, weil sie in Anwesenheit ihres Mannes keinen Grund findet, Werthers Bitte zu verweigern. Werther ist glücklich, die Pistole, mit der er sich erschießen wird, aus Lottes Hand erhalten zu haben. Er verbringt den Abend mit der Lektüre von Lessings „Emilia Galotti“ und schießt sich nach Mitternacht eine Kugel in den Kopf. Als er gefunden wird, lebt er noch, stirbt aber am folgenden Mittag. Ganz kurz schildert der Herausgeber am Schluss des Romans die Beerdigung Werthers und die Verzweiflung Lottes und ihrer Familie über den furchtbaren Tod ihres Freundes.

Ein von Normen und Zwängen beherrschtes Leben

Auf den ersten Blick könnte man Goethes Roman für eine Liebesgeschichte halten, in der es wie in vielen anderen Liebesromanen um eine unerfüllte Liebe, um Eifersucht und um eine Dreieckssituation geht. Dieses Verständnis wäre aber nur vordergründig. Denn Goethe geht es viel mehr darum, zu zeigen, dass ein Mensch, der wie Werther durch seine Emotionalität und sein Künstlertum geprägt ist, in der rationalen Welt der bürgerlichen und adligen Gesellschaft keinen Platz zum Leben findet. Werther leidet an seiner unerfüllten Liebe zu Lotte und zu allen Menschen, denen er sich verbunden fühlt, und er leidet an seiner Unfähigkeit, sich einem regelhaften Leben, das von Normen und Zwängen beherrscht ist, anzupassen. Er leidet an dem Unverständnis seiner Mitmenschen für die Schönheit der Natur, in der er Gott begegnet, und an den Begrenztheiten seiner menschlichen Existenz, die er nur im Tod zu überwinden glaubte.

Originaltext ,,Die Leiden des jungen Werther" lesen